Spalte #col2
...
12.10.2009
„Erste Sahne“ oder: Wie wird aus der Idee eine Gründung?
„Werkstatt: Gründung“ am Anne-Frank-Berufskolleg lässt Schülerinnen Unternehmen planen
„Kunden hätten wir genug“, ist Marie-Christin Kössendrupp überzeugt. Die „Bauernhofolympiade“ könnte ein erfolgreiches Event-Angebot für Familienfeiern, Betriebsausflüge oder Geburtstage im Münsterland werden. Das Geschäft ist durchgeplant und kalkuliert, allein: Der Standort steht nicht zur Verfügung, Bauer Kössendrupp „hat nicht so gerne Fremde auf dem Hof“. Leichter hat es da Siglinde Kuberski-Fischer als Gründerin eines mobilen Haushaltsservice. Ein eigenes Unternehmen ist für die gelernte Hauswirtschafterin eine ernsthafte Alternative zur Arbeit in der Großküche, „ich wäre gern meine eigene Chefin“.
Marie-Christin Kössendrupp und Siglinde Kuberski-Fischer sind zwei von 25 Schülerinnen des Anne-Frank-Berufskollegs, die an dem fächer- und bildungsgangübergreifenden Projekt „Werkstatt Gründung“ teilgenommen haben. „Wir gründen ein Unternehmen – von der Idee zum Konzept“ lautete die Aufgabe für die Fachbereiche Bekleidung und Hauswirtschaft seit Beginn dieses Schuljahres. Im Rahmen des Wirtschaftsunterrichts wurde das Projekt bereits zum dritten Mal in Kooperation mit Frauen & Beruf durchgeführt. Die Schülerinnen haben an Geschäftsideen und -plänen gearbeitet, sich mit Marketing und Werbung beschäftigt, Finanzierungs- und Liquiditätsplanungen gemacht, den Markt und die Konkurrenz unter die Lupe genommen, Standorte überprüft und nicht zuletzt die überzeugende Präsentation des Konzeptes geübt.
In der letzten Stunde vor den Herbstferien war es dann so weit. Acht Unternehmenskonzepte konnte die Gruppe insgesamt zeigen, vom „Saftladen“ am Aasee über ein nostalgisches Näh- und Strickatelier, das Dessert-Catering „Erste Sahne“ bis zur Ernährungsberatung „Gesund statt rund“. Noch wird keines der Konzepte das Licht der Unternehmenswelt erblicken, aber das ist auch nicht das vorrangige Ziel des Unterrichtsprojektes. „Wir wollen die Schülerinnen mit der beruflichen Alternative Selbstständigkeit vertraut machen“, sagt Wirtschafts-Fachlehrerin Sonja Vogel, die davon überzeugt ist, dass das Projekt dennoch mehr ist als ein Planspiel. „Die Frauen sind unglaublich identifiziert mit ihren Ideen, vertreten sie überzeugend und lernen eben nicht nur theoretisch, was zu einer Gründung alles dazu gehört.“
Die Berufsschülerinnen absolvieren an der Anne-Frank-Schule eine dreijährige Teilzeit-Ausbildung zur Maßschneiderin bzw. zur Wirtschafterin. „Gerade im Handwerk kommt die Selbstständigkeit irgendwann auf die Frauen zu“, sagt Gerlinde Amsbeck von Frauen & Beruf, „auch als Alternative zu den schlecht entlohnten Jobs in vielen frauentypischen Branchen. Dann sollten sie gut vorbereitet sein und vor allem errechnen können, ob sich das Unternehmen lohnt.“
Aus diesem Grund hat die Anne-Frank-Schule die Vorbereitung junger Frauen auf die Selbstständigkeit zu einem ihrer Schwerpunkte erklärt. „Unser Ziel ist es, die Schülerinnen möglichst vieler Fachbereiche im Rahmen dieser Projektarbeit zu qualifizieren“, sagt Technologielehrerin Elisabeth Zech. In den kommenden Schuljahren werden auch die Friseurinnen und Floristinnen auf Ideensuche gehen und in die Gründungsplanung einsteigen.
Noch holt sich die Anne-Frank-Schule das Fachwissen von Frauen & Beruf und den Unternehmensberaterinnen, die für das Projekt im Rahmen der „Initiative Unternehmerin Münsterland“ im Einsatz sind. Die Initiative wird von der EU im Rahmen des NRW-Ziel 2-Programms 2007-2013 „Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung (EFRE)“ gefördert.
Am Anne-Frank-Berufskolleg steht die Weiterbildung der Lehrkräfte als nächstes auf dem Programm.

